Kinemathekheft Nr. 93
"Germaine Dulac L'Invitation au voyage"

erschien am 10. Oktober 2002

Redaktion
Mitarbeit
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Inhalt
Editorial

Die Freunde der Deutschen Kinemathek Berlin geben in Zusammenarbeit mit der Kinothek Asta Nielsen das Kinemathekheft Nr. 93 "Germaine Dulac. L'Invitation au voyage" heraus. Die Publikation macht 5 Texte von Germaine Dulac in der deutschen Übersetzung-, sowie Ausschnitte aus der Rezeptionsgeschichte Dulacs der 50er bis 90er Jahre zugänglich (AutorInnen u.a. Henri Fescourt, Sandy Flitterman, Heide Schlüpmann, Catherine Silberschmidt, Tami Williams) und umfasst eine kommentierte Filmografie und ausführliche Bibliografie.

Kinemathekheft Nr. 93 "Germaine Dulac. L'Invitation au voyage" zu beziehen über: Freunde der Deutschen Kinemathek, Potsdamer Str. 2, 10 785 Berlin, Tel. 030 - 26955-100, per E-Mail über fdk@fdk-berlin.de oder im Internet unter www.fdk-berlin.de

Redaktion

Sabine Nessel (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Frankfurt) Heide Schlüpmann (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Frankfurt) Stefanie Schulte Strathaus (Freunde der Deutschen Kinemathek, Berlin)

Mitarbeit

Übersetzungen: Annette Brauerhoch, Helga Fanderl, Erika Gregor, Ulrich Gregor, Birgit Kohler, Esther Kuhn, Eunice Martins, Sabine Nessel, Marijke van Nispen tot Sevenaer, Heide Schlüpmann, Stefanie Schulte Strathaus; Literaturrecherche: Ulrike Emmer, Sybille Poser; Filmografie und Kopienrecherche: Natalie Soondrum; weitere Kopienrecherche und -beschaffung: Eva Orbanz, Ulrike Stiefelmayer, Barbara Visarius; Korrekturen: Erika Gregor, Ulrich Gregor, Michael Wedel, Jutta von Zitzewitz; Lizenzen: Milena Gregor; Lektoratsassistenz: Annette Lingg; Beratung: Catherine Silberschmidt, Tami Williams

Retrospektive und Symposion Leitung und Konzeption: Karola Gramann (Kinothek Asta Nielsen e.V.)

Fotos BiFi Paris, Light Cone Paris, Nederlands Filmmuseum

Lithographie Satzinform Berlin Druck H+P Druck, Berlin

Herausgeber

Freunde der Deutschen Kinemathek e.V., Potsdamer Strasse 2, D-10785 Berlin, www.fdk-berlin.de und
Kinothek Asta Nielsen e.V., c/o J.W. Goethe-Universität Frankfurt, Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Grüneburgplatz 1, D-60323 Frankfurt am Main, www.kinothek-asta-nielsen.de

Eine Publikation anläßlich der Retrospektive und des internationalen Symposiums L'Invitation au Voyage - Germaine Dulac, das vom 31. Oktober bis 3. November 2002 in Frankfurt am Main stattfindet, veranstaltet von der Kinothek Asta Nielsen in Zusammenarbeit mit dem Kino im Deutschen Filmmuseum, schauspielfrankfurt, ZDF/ARTE, Frauen und Film, dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Die Retrospektive wird im November 2002 von den Freunden der Deutschen Kinemathek Berlin (Kino Arsenal) in Zusammenarbeit mit dem Filmmuseum Berlin / Stiftung Deutsche Kinemathek übernommen.

Die Filme der Retrospektive werden durch versale Schreibweise hervorgehoben.

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Inhalt

Vorwort Erika Gregor S.9
Editorial Germaine Dulac 1882-1942 Zur Rezeptionsgeschichte S.11
Eine der Großen - Germaine Dulac
Henri Fescourt S.19
"Kino, das ist Bewegung, Rhythmus, Leben" Germaine Dulac - Filmpionierin der 20er Jahre
Catherine Silberschmidt 1987 S.31
Das Wesen des Films: Die visuelle Idee
Germaine Dulac S.51
Von der Empfindung zur Linie Germaine Dulac S.58
Die Musik der Stille
Germaine Dulac S.63
Unabhängigkeit
Germaine Dulac S.67
Das Kino der Avantgarde Germaine Dulac S.70
"On entend avec les yeux" Germaine Dulac über Musik und Film Eunice Martins S.83
Zwischen Sehnsucht und Begehren Zur Blickstruktur in L'invitation au voyage von Germaine Dulac Catherine Silberschmidt S.91
Die Emanzipation des Films Zu Germaine Dulacs und Maya Derens Theorie der Avantgarde Heide Schlüpmann S.100
Vita Germaine Dulac Tami Williams S.117
Kommentierte Filmographie S.121
Filmographie S.146
Bibliographie 149
Anhang: Das Projekt Kinothek Asta Nielsen S.164

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Editorial

Germaine Dulac 1882-1942
Zur Rezeptionsgeschichte

Germaine Dulac war eine Dame von Welt, der großbürgerlichen Gesellschaft und der mondänen Pariser Subkultur. Auf diesem Hintergrund entfaltete sie eine ungemeine Präsenz in der kulturellen und kulturpolitischen Öffentlichkeit ihrer Zeit. Bevor sie Mitte der zehner Jahre zum Film kam, hatte sie schon als Journalistin für verschiedene, darunter feministische Zeitschriften gearbeitet.

Seit 1916 drehte sie Filme in den unterschiedlichsten Genres und Kontexten, sie arbeitete mit großen Produktionsfirmen wie Gaumont ebenso zusammen wie mit den Protagonisten der französischen Filmavantgarde, Louis Delluc, Jean Epstein und anderen. Und sie hörte nicht auf zu schreiben. Sie nutzte die unterschiedlichsten Journale und Zeitungen als Plattform für ihre Ideen zum Film, "seinem Wesen", seinem Verhältnis zu anderen Künsten, zu Kommerz und Kapital, für ihre Ansichten über Musik im Kino, das Publikum, die Aufgaben der Filmkritik und vieles mehr. Sie war eine Aktivistin der Filmclub-Bewegung der zwanziger Jahre, einige Jahre deren Leiterin, und hielt unermüdlich Vorträge, um die Sache des Films, weit über Paris hinaus in den Niederlanden, der Schweiz, in Spanien und Belgien zu propagieren. Sie reiste mit Filmen, zum Teil auch Ausschnitten aus Filmen, die sie während ihrer Vorträge zeigte. Sie war eine geneigte Interviewpartnerin, die sich auch des Werbeeffekts für ein breites Publikum nicht schämte, wenn sie bereitwillig über ihre neueste Arbeit an einem Film Auskunft gab.

Anfang der dreißiger Jahre setzte sie ihre Kraft und ihr Können im Bereich des Dokumentarischen ein, arbeitete für die Gaumont-Wochenschau, drehte Reportagen und versuchte gegen den Faschismus in Europa, den Film in den "Dienst der Geschichte" zu stellen - Le Cinema au service de l'histoire, so der Titel eines ihrer letzten Filme aus dem Jahr 1935. Diese immense öffentliche Präsenz, die Germaine Dulac sich zu Lebzeiten verschaffte, hat sicher dazu beigetragen, daß sie nicht vollständig - wie manch' andere Regisseurin - aus der Filmgeschichtsschreibung verschwand. Und doch ist das Mißverhältnis zwischen ihrem eigenen Engagement für die Sache des Films und dem Interesse der nachgeborenen Filmwelt an ihr, dem Interesse von Filmkritikern, -historikern, -theoretikern, von Filmmachern, bis heute eklatant. Selbst dem am experimentellen Film interessierten Fachpublikum sind heute lediglich ihr Name und zwei Filmtitel - La Coquille et le Clergyman und La Souriante Madame Beudet - bekannt. In der Überlieferungsgeschichte der Arbeiten von Dulac lassen sich zwei Richtungen unterscheiden: zum einen die Geschichtsschreibung der ersten europäischen Avantgarde, zum anderen die feministische Filmgeschichtsschreibung.
Im ersten Zusammenhang wurde die Filmmacherin Dulac auf die Regisseurin von La Coquille et le Clergyman reduziert. Dieses Werk findet heute immer noch Interesse, weil es nach einem Drehbuch von Antonin Artaud entstand. Dabei wurde damals, als der Film herauskam, und wird heute immer noch unermüdlich diskutiert, ob Dulac Artaud verfälschte oder nicht. Ein neueres Beispiel für diese Diskussion ist Ramona Fotiades Artikel von 1995, "The Untamed Eye: Surrealism and Film Theory". In den zahlreichen Veröffentlichun-gen zu Surrealismus und Film wird Germaine Dulac einer Bewegung zugeordnet, der sie nicht wirklich angehörte. Etwas besser verfährt die Geschichtsschreibung der Avantgarde mit Dulac, wenn sie von Experimentalfilmmachern selber verfaßt wurde. Standish D. Lawders Buch, "The Cubist Cinema" (1975) ist dafür ein Beispiel. Hier finden Dulacs Kurzfilme, die versuchen - jenseits des Narrativen - mit Bildern visuelle Rhythmen zu gestalten, Interesse. Drei Titel werden genannt: Disque 957 (1929), Etudes Cinégraphiques sur une Arabesque (1929), Thèmes et variations (1929).
Die filmwissenschaftliche Dissertation aus dem Jahr 1999 von Oliver Fahle, "Jenseits des Bildes. Poetik des französischen Films der zwanziger Jahre" konzentriert sich dagegen wieder auf La Coquille et le Clergyman. - Eine Ausnahme in diesem Überlieferungskontext bildet das 1959 veröffentlichte Buch von Henri Fescourt, "La foi et les montagnes ou le septième art au passé", das mit einem eigenen Kapitel der theoretischen und praktischen Arbeit von Germaine Dulac in all ihrer Komplexität gerecht zu werden versucht. Diese Darstellung verdankt sich der Erfahrung, die Fescourt im Umgang mit Dulac und ihren Filmen noch selber machen konnte.

Mit den siebziger Jahren begann eine feministische Filmgeschichtsschreibung, die sich zunächst und vor allem der Wiederentdeckung von Regisseurinnen, darunter Germaine Dulac, widmete. 1970 veröffentlicht "Take One" "Notes on Women Directors", 1972 Charles Ford sein Buch "Les Femmes cinéastes ou le triomphe de la volonté", in dem er Germaine Dulac, "Cœur de l'avantgarde", ein Kapitel widmet. (Vorangegangen war sein Beitrag zu Germaine Dulac in "Anthologie du Cinéma" Nr. 31, 1968.) 1974 gibt Sandy Flitterman die Übersetzung von "Heart of the Avant-garde" in der Zeitschrift "Women & Film" heraus; im gleichen Heft erscheint William Van Werts Artikel, "Germaine Dulac: First Feminist Filmmaker". Als feministisches Werk wird jetzt La Souriante Madame Beudet (1922) entdeckt und vielerorts gezeigt. 1973 hat Victor Sidler in "Cinéma" diesen Film vorgestellt, 1977 läuft er im Rahmen des 7. Internationalen Forum des Jungen Films der Berlinale zusammen mit La Coquille et le clergyman. Die feministische Kritik nimmt den Streitfall "Dulac versus Artaud" - so der Artikel von Wendy Dozoretz in "Wide Angle" 1979 - auf. 1982 erscheint ein Beitrag derselben Autorin zu "Madame Beudet's Smile: Feminine or Feminist?". Dulacs kanonische Bedeutung als Filmmacherin ist Anfang der achtziger Jahre dank der Intervention der Frauenbewegung gefestigt - doch heißt das nicht, daß ihr komplexes Werk in seinen ästhetischen, sozialen und theoriegeschichtlichen Bedeutungen wirklich wahrgenommen worden wäre.

Um 1984 öffnet sich die Rezeption jedoch ein wenig, der Blick auf ihre Filme weitet sich und ihre theoretischen Arbeiten finden Aufmerksamkeit. Richard Abel widmet in seinem Buch "French Cinema. The First Wave 1915-1929" drei Filmen von Dulac eine eingehende Analyse: La Souriante Madame Beudet, La Coquille et le Clergyman und - L'Invitation au voyage. Giuliana Bruno und Iris Cahn stellen mit einem Beitrag in "Segno Cinema" einen Zusammenhang zwischen La Souriante Madame Beudet und Meshes of the Afternoon von Maya Deren her. "Frauen und Film" publiziert erstmals deutsche Übersetzungen zweier Texte von Dulac zum "Wesen des Films" und zum Avantgardekino, sowie einen Versuch Heide Schlüpmanns über die filmtheoretischen Konzeptionen Germaine Dulacs und Maya Derens. Im gleichen Jahr erscheint auch Louise Heck-Rabi, "Women filmmakers: A Critical Reception", das unter dem allerdings merkwürdigen Titel "Germaine Dulac. Mother of Surrealism" Kurzbeschreibungen von vielen ihrer Filme verzeichnet. Abels Recherchen in Pariser Archiven und der Einsatz der Zeitschrift "Frauen und Film" für das experimentelle, das avantgardistische Kino blieben nicht ohne Nachfolgerinnen. Sichtbar geworden ist Catherine Silberschmidts breit angelegte Forschung. 1987 berichtet sie über ihre Recherchen im Nachlaß Dulacs, 1996 widmet sie L'Invitation au voyage einen Artikel. Die bislang größte Studie zu Dulac legte Sandy Flitterman 1990 vor: "To Desire Differently, Feminism and the French Cinema" entzieht Germaine Dulac endgültig dem Untergang in einer Männeravantgarde, in der ihr bestenfalls der Platz des "Herzens" oder der "Mutter", schlimmstenfalls der der "Kuh" (Virmaux 1976, S. 171) zukam, die Artauds Drehbuch verfälschte. Während Flittermans Darstellung von einer großen Kenntnis des gesamten filmischen Werks zeugt, richten die Rezensentinnen des Buchs bezeichnenderweise jedoch wieder das Bild von der Regisseurin zweier Filme auf.

Die neunziger Jahre haben Bewegung in das Bild Dulacs gebracht. 1995 gab Prosper Hillairet in der Editions Paris Expérimental erstmals eine umfangreiche Sammlung ihrer Schriften heraus: "Germaine Dulac. Écrits sur le Cinéma (1919-1937)". Seit einigen Jahren widmet Tami Williams ihre Forschung den Arbeiten Dulacs in ihrer ganzen Komplexität. Vor allem aber bewegte sich etwas in den Filmarchiven. Über Jahrzehnte hin haben zwar filmgeschichtlich und experimentell interessierte Verleiher wie die Freunde der Deutschen Kinemathek in Berlin, das Metropolis-Filmarchiv in Hamburg, Light Cone in Paris, die London Filmmakers' Coop - um nur einige europäische Verleiher zu nennen - das Wenige von Dulac in Umlauf gebracht, von dem es Verleihkopien gab. Erst aber im Zuge umfassender Restaurierungsarbeiten, welche die großen Archive seit den achtziger Jahren dem Stummfilm widmeten, sind schließlich auch eine ganze Reihe von Filmen Dulacs wieder aufgetaucht, umkopiert, restauriert und zum Teil der Öffentlichkeit präsentiert worden: 1995 Gossette im Rahmen der Pariser Retrospektiven zu 100 Jahre Kino. 1997 La Belle Dame sans merci auf dem Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna, begleitet von einer Musik für Klavier und zwei Stimmen von Maud Nelissen und Frank Mol. 2001 wurden auf dem selben Festival auch zwei sehr schöne Kopien von La Souriante Madame Beudet und L'Invitation au voyage mit Musikbegleitung von Donald Sossin aufgeführt. Die genannten Titel sind nur eine Auswahl von insgesamt etwa 24 Titeln, die - wenn auch zum Teil nur fragmentarisch - jetzt wieder gezeigt werden können. Die verbesserte Kopienlage gibt heute die Möglichkeit für eine weiterführende Beschäftigung mit Germaine Dulac.

Anläßlich der umfassenden Retrospektive ihrer Filme, die von der Kinothek Asta Nielsen e.V. veranstaltet wird und in Frankfurt am Main (in Zusammenarbeit mit dem Kino im Deutschen Filmmuseum, schauspielfrankfurt und ZDF/ARTE) sowie in Berlin stattfindet (Freunde der Deutschen Kinemathek/Kino Arsenal und Filmmuseum Berlin), macht der vorliegende Band insgesamt fünf Texte von Germaine Dulac zugänglich. Neben dem Wiederabdruck von "Das Wesen des Films: Die visuelle Idee" (1925) und "Das Kino der Avantgarde" (1932), die bereits 1984 in der Zeitschrift "Frauen und Film" erschienen sind, kommen drei weitere filmästhetisch und -politisch orientierte Aufsätze Dulacs, erstmals in deutscher Übersetzung, hinzu. Dulac ist in vielen ihrer Filme bewußt Kompromisse eingegangen. Möglicherweise erschließt sich, was wir mit und in den Filmen haben, erst unter Berücksichtigung der filmästhetischen und filmpolitischen Konzepte, ihres Einsatzes für die Verwirklichung dieser Konzepte einerseits und andererseits der Hindernisse, Widerstände und konkreten Eingriffe, denen die Filmmacherin in ihrer Zeit ausgesetzt war. Neben den Schriften Germaine Dulacs umfaßt der vorliegende Band eine dem heutigen Forschungsstand entsprechende vollständige und weitestgehend kommentierte Filmografie. Um den Anschluß an frühere Diskussionen zu ermöglichen, wurden außerdem einzelne Bereiche der Rezeptionsgeschichte der fünfziger bis neunziger Jahre in den Band mit aufgenommen und eine möglichst umfassende Bibliografie zusammengestellt. Die Auswahl der dokumentierten Texte konzentriert sich im wesentlichen auf drei Bereiche. Der erste Schwerpunkt widmet sich der persona Germaine Dulacs im gesellschaftlichen Leben der zwanziger Jahre. Henri Fescourts Text (1959) gibt Einblick in die Bedingungen der Filmproduktion aus der subjektiven Sicht des Zeitgenossen und Kollegen Dulacs. Catherine Silberschmidts Annäherung (1987) geht der filmästhetischen Dimension im Spiegel eines Lebens als Frau in den zwanziger Jahren nach und ist vom Duktus der Filmwissenschaftlerin geprägt, die sich auf Spurensuche begibt. Den zweiten Schwerpunkt bilden die Ausführungen Dulacs zur Musik, die weniger in Form von präzisen Musikangaben zu einzelnen Filmen existieren, so Eunice Martins (2002), "als vielmehr in einer Fülle von Äußerungen zu Musik, zu Musik und Film und Filmmusik" und "dazu beitragen können, die Erarbeitung einer konkreten Musik zu Germaine Dulacs Filmen zu erleichtern." Musik hatte in ihren Filmen einen hohen Stellenwert. Am Ende ihres Aufsatzes "Die Musik der Stille" (1928) schreibt Dulac: "Die siebte Kunst, die Kunst der Kinoleinwand, ist die fühlbar gewordene Tiefe, die unter dieser Oberfläche liegt: das ungreifbar Musikalische." Der dritte Schwerpunkt widmet sich dem Verhältnis von Film und Zuschauerschaft und rekurriert damit zunächst auf eine Fragestellung der feministischen Filmtheorie der achtziger Jahre, die Heide Schlüpmann in ihrem 1984 erschienenen Text zur Avantgardetheorie Germaine Dulacs und Maya Derens als Ausgangspunkt erklärt. Daß der feministische Film neue Realitätsbereiche unter veränderter Perspektive aufgreife, reiche nicht aus: "Er muß eine Revision der bisherigen Filmgeschichte versuchen und einen Eingriff in die Bildwelt der Zuschauerinnen und Zuschauer darstellen." Anhand von L'Invitation au voyage erläutert Catherine Silberschmidt (1995), inwiefern die Blickstrukturen des Films die Trennung zwischen vorsprachlicher und symbolischer Erlebniswelt verhindern und demnach nicht nur eine, sondern verschiedene Zuschauer- und Zuschauerinnenpositionen ermöglichen. Als Materialsammlung angelegt, sollen die hier versammelten Texte den Filmen an die Seite gestellt werden und helfen, neue Horizonte zu eröffnen - dazu gehört die Relektüre der Texte im Spiegel der heutigen Situation von Film und Medien und mit unseren Fragestellungen: eine davon ist, welche Bedeutung Dulac im Kontext von Queer Cinema zukommt, eine andere wäre die Frage nach möglichen Ansätzen zu einer feministischen Filmtheorie und einer Theorie des Kinos. Umgekehrt ist zu hoffen, daß auch die Texte, insbesondere die theoretisch komplexen, von der verbesserten Verfügbarkeit der Filme profitieren werden.

Daß die ausgewählten Texte in dieser Form als Buch vorliegen, ist der Mithilfe all derer zu verdanken, die uns unterstützt haben. Vor allem danken wir Catherine Silberschmidt für die großzügige Beratung und Mithilfe bei der Entstehung des Bandes. Dank gebührt weiter den Autorinnen und Übersetzerinnen, ohne die der Band nicht zustande gekommen wäre. Natalie Soondrum sei gedankt für die Ausdauer und Geduld bei der Kopienrecherche, Ulrike Emmer und Sybille Poser für die Zusammenstellung der Bibliografie und all jenen, die bis zuletzt Korrektur gelesen haben. Für die Rechte zum Abdruck der Texte Germaine Dulacs geht unser Dank an Yann Beauvais und den Verleih "Light Cone", Paris sowie an die Zeitschrift "Frauen und Film". Ihren eigenen Text zum Wiederabdruck stellte Catherine Silberschmidt freundlicherweise zur Verfügung. Für die Genehmigung zur Verwendung von Auszügen aus Sandy Flitterman-Lewis' Texten für die kommentierte Filmographie danken wir "University of Illinois Press".

Die Redaktion Literatur Abel, Richard: French Cinéma: The First Wave, 1915-1929, Princeton, New York 1984 Bruno, Giuliana und Cahn, I.: Afterimage, Una lettura intertestuale di La souriante madame Beudet (1923) di Germaine Dulac e di Meshes of the afternoon (1943) di Maya Deren, in: Segnocinema, Vol. IV, Nr.12, März 1984, S. 19-21 Dozoretz, Wendy: Dulac versus Artaud, in: Wide Angle Nr. 1, Vol. III, 1979, S. 46-53 Dozoretz, W: Madame Beudet's Smile: Feminine or Feministe?, in: Film Reader Nr. 5, 1982, S. 41-46 Dulac, Germaine: Das Kino der Avantgarde, in: Frauen und Film 37, Oktober 1984, S. 56-62 (Original: Le cinéma d'avant-garde, in: Le Cinéma des Origines à nos jours, Paris 1932, S. 357-364) Dulac, Germaine: Das Wesen des Films: Die visuelle Idee, übersetzt von Traugott König et al, in: Frauen und Film 37, Oktober 1984, S. 52-56 (Original: L'essence du cinéma: l'idée visuelle, in: Les cahiers du mois 16/17, 1925, S. 57-66) Fahle, Oliver: Jenseits des Bildes, Poetik des französischen Films der zwanziger Jahre, Mainz 2000 Fescourt, Henri: La foi et les montagnes ou le septième art au passé, Paris 1959 (darin: Kap. XVII: Non des Moindres…Germaine Dulac, S. 295-303) Flitterman, Sandy: Heart of the Avant-garde: Some Biographical Notes on Germaine Dulac, in: Women & Film 1, Nr. 5/6 1974, S. 58-61 (Übersetzung ins Deutsche in: Stationen der Moderne im Film II, Berlin 1988, S. 106-110) Flitterman-Lewis, Sandy: To Desire Differently, Feminism and the French Cinema, Urbana 1990 Ford, Charles: Les Femmes cinéastes ou le triomphe de la volonté, Paris 1972 (darin: Germaine Dulac "cœur de l'avant-garde", S. 25-50) Ford, Charles: Germaine Dulac, 1882-1942, in: Anthologie du Cinéma, Tome IV., Paris 1968, S. 1-48 Fotiade, Ramona: The Untamed Eye: Surrealism and Film Theory, in: Screen, Vol. 36, Nr. 4, Winter 1995, S. 394-407 Heck-Rabi, Louise: Women Filmmakers a Critical Reception, Metuchen u.a. 1984 Hillairet, Prosper (Hg.): Germaine Dulac. Écrits sur le cinéma (1919-1937), Editions Paris Expérimental, Paris 1994 Lawder, Standish D.: The Cubist Cinema, New York 1975, S. 169-181 Pyros, J.: Notes on Women Directors, in: Take One 3-2, 1970, S. 7 Schlüpmann, Heide: Die Emanzipation des Films: Zu Germaine Dulacs und Maya Derens Theorien der Avantgarde, in: Frauen und Film, Nr. 37, Oktober 1984, S. 38-51 Sidler, Victor: La souriante Madame Beudet, in: Cinéma, Zürich, Vol. XIX Nr. 73, 1973, S. 1209 Silberschmidt, Catherine: Kino, das ist Bewegung, Rhythmus, Leben. Germaine Dulac - Filmpionierin der 20er Jahre, in: Hg. Stephan/Weigel: Weiblichkeit und Avantgarde, Argument Sonderband AS 144, Berlin 1987 Silberschmidt, Catherine: Zwischen Sehnsucht und Begehren, zur Blickstruktur in L'invitation au voyage von Germaine Dulac, in: Cinema 41, Basel 1996, S. 55-63 Virmaux, A. und Virmaux, O.: Les Surréalistes et le cinéma, Paris 1976 Wert, William van: Germaine Dulac: First Feminist Filmmaker, in: Women & Film 1: Nr. 5/6 1974, S. 55-57 (Übersetzung ins Deutsche in: Stationen der Moderne im Film II, Berlin 1989, S. 110-111) Williams, Tami: Germaine Dulac, du figuratif à l'abstraction, in: Jeune, dure et pure! Une histoire du cinéma d'avant-garde et expérimental en France. ed. Nicole Brenez and Christian Lebrat. Paris: Edition Cinémathèque Française and Milan: Edizioni Gabriele Mazzota, 2001. S. 78-82 Williams, Tami: Germaine Dulac, in: Dictionnaire du cinéma français des années vingt, Errata 1895, Nr. 33, Juni 2001. François Albera und Jean A. Gili (Hg.), Paris: Edition Association Française de Recherche sur l'Histoire du Cinéma (AFRHC), 2001, S. 160-162 (plus 1 page corrective insertion)

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