In Erinnerung an die Schriftstellerin Renate Chotjewitz-Häfner

20. Mai 2009: Zu Gast Carmen Tartarotti
8. Juli 2009: Zu Gast Anna Rheinsberg
18. November 2009: Zu Gast Lilo Mangelsdorff

 

Renate Chotjewitz-Häfner
1. Mai 1937 Halberstadt – 4. November 2008 Frankfurt am Main


Renate Chotjewitz-Häfner war der Kinothek Asta Nielsen über Jahre hin verbunden. Wir haben gemeinsam mit ihr schöne Projekte realisiert, sie war treuer Gast der Veranstaltungen der Kinothek.
 

Foto  Irmgard Maria Ostermann


Zum Tod von Renate Chotjewitz-Häfner, 1937 – 2008

In ihren letzten Jahren sah sie aus wie die alte Duras, was ich wunderbar fand, Renate weniger. Der Vergleich mit Duras, von mir als Kompliment gemeint, war ihr nicht geheuer. [ .... ] Ihr Leben steht stellvertretend für eine noch vom Faschismus geprägte, in den späten fünfziger, frühen sechziger Jahren kämpferische Frauengeneration, deren Gefährten der männlichen Loddelguerilla das Wort redeten und die Ehe/Frauen an ihrer Seite im üblichen KinderKücheMief anschaffen und seelisch verhungern ließen. Renate konnte ein Lied singen von den gar nicht so schönen Aufbruchsjahren 68 und folgende. 1937 in Halberstadt/Sachsen-Anhalt in eine respektable Bürgerfamilie geboren, die Dichterin Sarah Kirsch war eine frühe Klassenkameradin, machte Renate eine Glasmalerlehre in Ulm, studierte Malerei in Kassel und München und später Kunstgeschichte, Theatergeschichte und Publizistik in Berlin. Sie arbeitete für die Documenta 2 und teilte sich unangepaßt eine Wohnung mit einer Freundin. Frühe Bohème in Kassel. [ ... ] Von Berlin ging sie mit Chotjewitz und den Söhnen nach Rom, machte sich einen Namen als Übersetzerin von Dario Fo und Franca Rame.

Sie schrieb Essays, Geschichten, veröffentlichte Bücher, war Vorsitzende des VS Hessen von 1988 – 1991. Die Liste ihrer Aktivitäten ist lang. Ihre Leidenschaft galt der Erforschung des Landjudentums in Hessen, den verjagten Juden des Ortes Rhina hat sie in Co-Autorenschaft mit Peter O. Chotjewitz ein Buch gewidmet, Die mit Tränen säen. Sie buddelte, grub, zerrte ans Licht. Zuletzt hatte es ihr die kommunistische Schriftstellerin Hermynia Zur Mühlen angetan. Renate hatte die Wohnung Zur Mühlens, ich meine, im letzten Sommer, in Frankfurt ausfindig gemacht, das Haus steht noch, und Renates Wunsch war es, dort eine Gedenktafel anbringen zu lassen. [ ... ]

Sie dachte kollektiv, handelte danach. [ ... ]
13. Dezember 2008

Aus dem Nachruf von Anna Rheinsberg, »Verbena«, erschienen in Die Aktion Nr. a215, 2009, Edition Nautilus. Abdruck mit freundlicher Genehmigung

Ankündigung zur Filmreihe als PDF-Dokument

 

Mal Seh’n Kino • Mittwoch 20. Mai 2009 • 20 Uhr

Zu Gast Carmen Tartarotti

Das Schreiben und das Schweigen
Die Schriftstellerin Friederike Mayröcker


Dokumentarfilm, BRD/I/A 2008, 90 Min., Farbe und s/w, DVCam 16:9 Stereo

Regie Carmen Tartarotti Buch Carmen Tartarotti und Georg Janett Kamera Pio Corradi, Carmen Tartarotti
Ton Carmen Tartarotti, P. Utvary, M. Leitner, B. Pisek Montage Ferdinand Ludwig und Carmen Tartarotti
Text und Musikberatung Bodo Hell Mitwirkende FRIEDERIKE MAYRÖCKER, Edith Schreiber, Peter Huemer, Bernhard Fetz, Hannes Schweiger, Julia Danielczyk, Aslan Gültekin, Isabel Centogl Produktion Carmen Tartarotti-Filmproduktion, Frankfurt am Main 2008

Ich hab' gedacht es soll ein Film über das Schweigen werden. Das Schreiben und das Schweigen. Aber wie macht man das dann? Vielleicht ist es bei anderen Autoren so, dass sie beim Sprechen andere Sachen hervorholen aus ihrem Hirn, während ich nichts hervorholen kann. Ich mag nicht sprechen! Und auf dieser Grundlage werden wir unseren Film aufbauen. Das machen wir! (Friederike Mayröcker)
Nach meinem ersten Film über Friederike Mayröcker aus dem Jahr 1989 haben die Dichterin und ich einige Jahre nach dem Tod von Ernst Jandl, ihrem langjährigen Arbeits- und Lebensgefährten, beschlossen, einen zweiten Film zu versuchen, dieses Mal ohne inhaltliche und formale Erwartungseinschränkungen. Über mehrere Jahre hinweg habe ich die heute 84-Jährige in ihren Wohnungen und auf ihren Lesereisen so diskret wie möglich begleitet und befragt, meistens allein mit Kamera und Mikrofon, wie es sich die Protagonistin ausdrücklich gewünscht hatte (entscheidend unterstützt vom Schweizer Kameramann Pio Corradi). Eine der Voraussetzungen für das Zustandekommen des Films war dabei die absolute Rücksichtnahme auf die derzeitige Lebenssituation der Schriftstellerin und auf ihre Arbeitsrhytmen. Das machte eine andere Methodik und Vorgehensweise erforderlich, als man sie von gängigen Produktionen kennt: Die fragile Zimmerarchitektur in Mayröckers Wohnung lässt den Einsatz eines normalen Kamera- und Licht-Equipments auf keinen Fall zu. Über Monate hinweg war ich darauf bedacht, Aussagen der Dichterin zu erhalten, die keine Antworten auf Fragen darstellen, sondern Äußerungen der scheinbar selbstverständlichsten Art: unspektakulär und gerade deshalb von großer Anziehungskraft. (Carmen Tartarotti)

Gefördert von der Hessischen Filmförderung, innovative film austria, Autonome Provinz Bozen-Abteilung Kultur u. Familie

Die Filmemacherin ist anwesend

 

Mal Seh’n Kino • Mittwoch 8. Juli 2009 • 20 Uhr

Zu Gast Anna Rheinsberg

Anna
Spielfilm, A 1982, sw, 40 Min., 16 mm, s/w
Regie, Buch, Kamera, Schnitt Linda Christanell
Darstellerin Anna Rheinsberg

Das Krokodil
Regie Michael Krause, BRD 1979, Super 8, 6 Min., Farbe, Ton (Vorführung auf DVD)
Darstellerin Anna Rheinsberg

Anna Rheinsberg liest aus ihrer Erzählung ›Böse Mädchen singen‹.

Die Idee zum Film Anna hat Linda Christanell entwickelt, als sie der damals 23-jährigen Marburger Schriftsstellerin Anna Rheinsberg begegnete, von deren Schönheit und Persönlichkeit sie beeindruckt war, und als sie wenig später eine Schachtel mit 194 gehäkelten Spitzenmustern fand, die alle ihre Großmutter angefertigt hatte. Ausgehend von diesen Spitzen hat Linda Christanell nun eine reiche, bis ins kleinste durchstrukturierte Ebene ›toter‹ Gegenstände geschaffen, zu der die Spitzen ebenso gehören wie verschiedenen Requisiten, Schmuckgegenstände, vor allem aber auch – Fotos; jener Ebene konfrontiert ist die ›lebendige‹ Protagonistin Anna Rheinsberg, die mit allen diesen ›toten‹ Gegenständen umgeht bzw. ihre eigene, vergegenständlichte, ›tote‹ Vergangenheit noch dazuhäuft, also mitreflektiert. Wenn sie ihr Gesicht hinter ihrem eigenen Foto freischneidet, wenn sie Milch spuckt, deren Weiß dann zum Weiß der Spitze wird, auch wenn sie Luftmaschen häkelt – es geht dabei immer um ›die Präsenz vergangener Epochen im Ich, in der Frau Anna‹, wie es in einem Arbeitspapier der Filmmacherin heißt.
Auf der historischen Inhaltsebene hält uns Linda Christanell also die Tragödie unserer Mütter, Großmütter, Urgroßmütter vor Augen: Die hinter den Vorhängen eines Fensters in einer sogenannten Frauenrolle verkommen mussten. Auf der Ebene des Porträts erleben wir die Kritik der Protagonistin Anna an unserer kollektiven Vergangenheit, ihre Befreiungs- und Ausbruchsversuche, auch ihre Identifikation. Lisbeth Waechter-Böhm, »Da sitzen die Frauen. Sie häkeln ihr Leichentuch«. Über Linda Christanells Film Anna, in Frauen und Film Heft 35, Oktober 1983

 

Mal Seh’n Kino • Mittwoch 18. November 2009 • 20 Uhr

Zu Gast Lilo Mangelsdorff

Esel Hund Katze Hahn
...und andere Musikanten

Dokumentarfilm, BRD 2009, 84 Min., HD Farbe 16 : 9 Stereo

Buch und Regie Lilo Mangelsdorff Bildgestaltung Sophie Maintigneux Ton Michael Busch, Ulla Kösterke
Schnittberatung Renate Merck Produktionsassistenz Esther Zeschky, Lena Rumler Produktion Cinetix Medien und Interface GmbH 2009

Mitwirkende: Klasse 2b der Günderrode-Schule Frankfurt, Die Kinder und das Erzieherteam im Musikkindergarten Berlin e.V., CHILI CHICKS, Köln, Jugendgruppe beim Zarakali Kinderzirkus, Frankfurt, MENSCHENSINFONIEORCHESTER, Köln, Dr. Christine Peppler und Leah Frey-Rabine, Prof. Albert Dost und Friederike Roth, Prof. Johanna Metz. Manuela Gey, Martina Fenzel und Bewohner des Altenpflegeheim ›St. Gertrud‹, Leipzig/Engelsdorf, YANKADI, Frankfurt, SOUND OF GOSPEL, Frankfurt, KUNSTSALONORCHESTER, Köln

Ein Film über das Musikmachen: quer durch alle Altersstufen und jenseits von etablierten Qualitätsstandards – vielstimmig, lebendig und überraschend. Der Titel assoziiert das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, die los ziehen, um ein besseres Leben zu finden: Esel Hund Katze Hahn – das steht für die verschiedensten Arten des gemeinsamen Machens und Erlebens von Musik. Der Film gibt anhand von zehn Beispielen Einblicke in eine ungeahnt facettenreiche Welt. Jenseits des häusliche Musizierens und des elitären der Hochkultur, führt der Film zu Amateurmusikern, die ihre Freizeit mit Musik verbringen – in Chören, Bands, Ensembles oder auch im Einzelunterricht. Die Musik entsteht in kreativen Freiräumen abseits der arbeitsweltlichen Sphäre, ohne Leistungsdruck: »Hinter dem Musikmachen, diesem Nutzlosen... steckt eine Utopie, etwas nicht Gelebtes« bemerkt einer der Mitwirkenden treffend.

Gefördert von BKM, Filmstiftung NRW, Hessische Filmförderung


 


Text und Bilder zur Filmreihe als PDF-Dokument


 

Mal Seh'n Kino
Adlerflychtstraße 6 HH • 60318 Frankfurt am Main
Eintritt 6 Euro, mit Gildepaß 5 Euro. Telefonische Kartenvorbestellung
Mo., Di., Mi., ab 19h00, Do., Fr., Sa. ab 17h30, So. ab 12h00
069/5970845 www.malsehnkino.de

Wegbeschreibung
Mit der U5 Richtung Preungesheim bis zur Haltestelle ›Musterschule‹, dann die Eckenheimer Landstraße in Fahrtrichtung weitergehen und in die zweite Straße links einbiegen.

 



Kinothek Asta Nielsen e.V. www.kinothek-asta-nielsen.de