Antonin Artaud Kinospecial - Stummfilm mit Live Musikbegleitung

"La Coquille et le Clergyman" von Germaine Dulac
nach einem Drehbuch von Antonin Artaud
Frankreich 1927, 40 Minuten, s/w.

Mit Génica Athanasiou, Alex Allin, Lucien Bataille u.a.v
Einführung und Lesung Brigitte Fürle und Daniel Christensen

Freitag, 26. April 2002

Am Flügel Eunice MartinsSchaupiel Frankfurt, Kleines Haus,
21 Uhr
, Eintritt 5.10 €

La Coquille et le Clergyman ist ein Klassiker des surrealistischen Films. Bei der Uraufführung des Films 1927 in Paris kam es zu dem in der Filmgeschichte berühmten - von den Surrealisten inzenierten - Eklat. Der Film erzählt die bizarre und traumhafte Geschichte eines Jungklerikers, der mit einem ordenbehangenen General um die Gunst einer schönen Dame ringt. Antikirchliche Attacken verschmelzen mit freudscher Traumsymbolik und surrealen Assoziationen, die dem Film eine poetische Qualität geben. Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Frankfurt Projektion Gunter Deller

"Man muß nach einem Film suchen mit rein visuellen Situationen, dessen Drama aus einem Schock für die Augen entsteht, aufgenommen, wenn man so sagen darf, in der Substanz des Blicks selbst, ohne Verwurzelung in psychologischen Umschreibungen logischer Art, die nichts sind als ins Visuelle übertragener Text. (...) Ich habe versucht, in diesem Drehbuch diese Idee eines visuellen Kinos zu verwirklichen, in dem die Psychologie von den Handlungen verschlungen wird." (A.Artaud, "Die Muschel und der Clergyman" in: Kino und Realität)

La Coquille et le Clergyman von Germaine Dulac gilt als erstes surrealistisches Filmwerk und gleichzeitig auch als Beispiel feministischer Filmsprache.

Bei der Premiere des Films am 9. Februar im Studio des Ursulines in Paris gab es einen von den Surrealisten inszenierten Eklat, sie pfiffen den Film aus. Artaud beschimpfte Dulac öffentlich als "eine Kuh". Später beschuldigte er sie, sein Szenario "feminisiert" und mit oberflächlichen technischen Tricks überformalisiert umgesetzt zu haben.

"Bei weitem die wichtigste und fruchtbarste Filmemacherin der Dekade war Germaine Dulac, deren filmischer Stil sich vom psychologischen Realismus und Symbolismus über den Surrealismus und bis hin zum Dokumentarischen und zu formalen Versuchen der Transposition musikalischer Strukturen im Film entwickelte; ihr letztes Ziel bestand darin, den Film in seiner höchsten Form zu einer visuellen Symphonie zu vewandeln. Und doch wurde Germaine Dulac von den meisten Filmhistorikern übersehen oder falsch eingeschätzt. Ein Grund dafür mag in der Tatsache liegen, daß die Dulac in keine Kategorie paßt: zum Beispiel dreht sie schon Filme vor den erwähnten Surrealisten, und sie machte auch in den dreißiger Jahren noch Filme, als die meisten Surrealisten ihre Tätigkeit eingestellt hatten. Ein weiterer Grund mag auch sein, daß ihre Filme kaum je einen breiten Verleih gefunden haben, weder in Frankreich noch anderswo. Dieser zweite Grund ist mit einem dritten verbunden, vielleicht dem wichtigsten von allen: Germaine Dulac interssierte sich speziell für das Bild der Frauen im Film. Die Analyse eines frühen und eines späteren Films beweist, daß sie die erste feministische Filmemacherin war." (William Van Wert, Germaine Dulac: First Feminst Filmmaker. In: Women and Film, Nr. 5/6, Santa Monica 1974, . S. 55 ff., zit. nach Forumsblatt 2, 7. Int. Forum des Jungen Films, Berlin 1977)

"Das ganze Problem des Films liegt in dem Wort 'Visualisierung'. Die Zukunft gehört dem Film, der sich nicht erzählen läßt. Die siebente Kunst, die der Leinwand, das ist die sensibel und visuell gemachte Tiefe, die sich unter der Geschichte erstreckt, analog zur ungreifbare musikalischen. Diese Konzeption führt notwendigerweise zu einer Revision der cinegraphischen Themen.Und La coquille et le clergyman geht aus dieser Bemühung hervor. Ausnahmsweise ist dieser Film ohne Konzessionen gemacht worden. Er ist also aufrichtig. Keine Geschichte. Ideen und Empfindung, die aus der bloßen Suggestivkraft der Bilder entstehen müssen. Einige von Ihnen werden in diesem Film vielleicht einen Traum und seine psychologischen Konsequenzen sehen, andere ein poetisches Auf und Ab aller uneingestandenen unterdrückten oder unbewußten Träume, die sich chaotisch in uns tummeln und unser Ich zum Triumph oder zur Vernichtung führen." (Germaine Dulac, Filmliga II, 2, Amsterdam 1928)

"Die Muschel und der Clergyman" erzählt keine Geschichte, sondern entwickelt eine Folge von Geisteszuständen, die sich auseinander ableiten, ohne eine sinnvolle Reihe von Fakten zu reproduzieren. Aus dem Zusammenstoß von Gegenständen und Gesten leiten sich echte psychische Situationen ab, zwischen denen der eingeklemmte Gedanke nach einem winzigen Ausweg sucht. Alles existiert nur in Bezug auf Formen, Volumen, Licht. Luft - vor allem aber im Hinblick auf den Sinn eines losgelösten Gefühls, das zwischen die mit Bildern gepflasterten Wege gleitet und zu einer Art Himmel gelangt, in dem es völlig erblüht.

Die Figuren sind nur Hirne und Herzen. Die Frau entfaltet ihre animalische Begierde, das geisterhafte Gefunkel des Instinkts, der sie treibt, eine zu sein und, in sich wiederholenden Metarmophosen, immer wieder andere. Fräulein Athanasiou hat sehr gut verstanden, in einer Rolle aufzugehen, die ganz Instinkt ist und in der eine sehr eigenartige Sexualität eine Fatalität bekommt, die über die Figur als ein menschliches Wesen hinausgeht und bis ins Universale reicht. Auch den Herren Alex Alin und Bataille kann ich nur mein Lob aussprechen. Und ich möchte schließlich Madame Germaine Dulac danken, die die ganze Bedeutung des Drehbuchs hat gelten lassen, das versucht, in das Wesen des Kinos selbst einzudringenund das sich weder um Bezüge zur Kunst noch zum Leben kümmert." (A. Artaud, Film und Abstraktion Erste Veršffentlichung in Le Monde Illustré, Nr. 3645, Oktober 1927 deutsch von Frieda Grafe in: Filmkritik, Nr. 3/69, zit. nach Forumsblatt 2/1977)

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