Adjektiv Frau
Film '68 und die Neue Frauenbewegung
29.5. - 1.6. 2008 im Mal Seh'n KinoEinführung von Heide Schlüpmann
´68 – das war auch der Beginn der Neuen Frauenbewegung und einer feministischen Film- und Kinoarbeit, die sich in den 70er Jahren entfaltete. Das Festival will mit Filmen und Diskussionen diese Geschichte vergegenwärtigen.
Die Absicht ist dabei nicht, die „Klassiker“ der feministischen Filmarbeit zu versammeln. Eher schon soll das weite Spektrum von Film und Politik, von alternativer (Film-)Kultur der Neuen Frauenbewegung mit dem Filmprogramm zum Vorschein kommen. Doch auch dies kann in der Kürze der Zeit und aufgrund der Kopienlage vieler, in diesem Zusammenhang wichtiger Filme höchstens ansatzweise geschehen.
Wer jedoch das letzte Maiwochende im Mal Seh´n Kino verbringt, kann einen Blick zurück gewinnen, in dem sich die 68er-Vergangenheit auch wieder auf die Gegenwart öffnet, und kann die Verbindung von Lust und Emanzipation, von Lust an der Emanzipation, im Kino der Bewegung erfahren.
Das Programm enthält schwerpunktmäßig Filme von Regisseurinnen, versucht jedoch auch, die Aufmerksamkeit auf eine andere „Autorschaft“ zu lenken, die der Schauspielerinnen. Zur politischen Filmarbeit gehörte ein neues Selbstbewusstsein von Schauspielerinnen wie Jane Fonda, Delphine Seyrig oder Charlotte Rampling hinzu – ihre Emanzipation von der Bevormundung durch Regisseur und Produzent.
Filmarbeit der Neuen Frauenbewegung hat im Zeichen eines anderen Politikbegriffs gestanden, der seine Formulierung in dem Statement fand: „Das Private ist Politisch“. Die Bedeutung dieses Begriffs für ein politisches Kino gestern und heute wird Gegenstand einer Diskussionrunde sein. Im Zuge der ´68er-Bewegung enstand allenthalben politisches Kino. Den Filmmacherinnen ging es um andere Inhalte und damit auch andere Formen – nicht nur als die des Mainstreams, sondern auch als die der linken Filmpolitik. Sie gingen in der Arbeit der Avantgarde an einer „Politik der Form“ eigene Wege, und zugleich griffen sie auf die Potentiale des Kinos für eine Massenkultur „von unten“, eines weiblichen Publikums, zurück.
Der Blick auf die Lage der Frauen in der Gesellschaft, auf die eigenen Erfahrungen der Repression, bildete den Fokus der feministischen Filmarbeit. Doch nahm sie zugleich Anteil an Emanzipationsbewegungen und politischen Kämpfen der Zeit, wie der amerikanischen Bürgerrrechtsbewegung, dem Widerstand gegen den Vietnamkrieg, den Befreiungsbewegungen Lateinamerikas etc. Jane Fondas Coming Home, Agnes Vardas Black Panther, Claudia Alemanns To luk van Doan sind dafür Beispiele. Schweren Herzens haben wir aufgrund der Kopienlage auf die Skizzierung dieses politischen Horizonts verzichtet. Dafür haben wir eine andere Perspektive gesetzt: auf die Filmarbeit von Frauen in den osteuropäischen Ländern, auf eine Emanzipationsbewegung, die es im Zeichen eines dogmatischen Sozialismus offziell gar nicht gab.
Am Donnerstag, dem 29.5. eröffnet das Festival mit Musik von Elvira Plenar, einem Beitrag von Sybille Plogstedt zum Thema „Der feministische Politikbegriff und die Medienöffentlichkeit – Rückblick und Ausblick“ und einem Kurzfilmprogramm, in dem einige Facetten der feministischen Filmarbeit aufscheinen werden. Zu späterer Stunde folgt dann – hinreißend bissig – Georgy Girl, GB 1966 (Regie Silvio Narizzani) mit Charlotte Rampling.
Der Freitag enthält das Hardcoreprogramm der Frauen- und Filmbewegung. Es beginnt im Historischen Museum mit dem kämpferisch-ironischen Film L´Aggettivo Donna des Collettivo Femminista di Cinema von 1972 und einer anschließenden Diskussion, „Öffentliche Intimität – Das Kino und die Politik“. Teilnehmerinnen sind Helke Sander, Ute Holl, Rosalinde Satorty, Gaby Babic, Heide Schlüpmann. Das weitere Programm folgt wieder im Mal Seh’n Kino. Um 18 Uhr läuft der Film von Edith Schmidt Das hat mich sehr verändert, den sie 1976 über das Frauenzentrum Eckenheimer Landstraße drehte. Einige der damaligen Aktivistinnen werden zum Wiedersehen und Diskutieren anwesend sein. Um 20 Uhr können wir nach langer Zeit endlich nochmals Helke Sanders Der Subjektive Faktor sehen, einen Spielfilm mit dokumentarischen Momenten. Es ist der zentrale Film über die Geschehnisse von ´68 als einem Jahr, in dem sich hierzulande die Neue Frauenbewegung aus der Linken heraus formierte. Der Abend klingt aufrührerisch aus mit Janis, einem Film über die Rocksängerin Janis Joplin. Klaus Walter präsentiert den Film.
Im Samstagsprogramm bildet die „Sexuelle Befreiung“ den Fokus, jedoch aus der Sicht der Frauen und ihrer Frage nach einer anderen als der männlich-egozentrischen Subjektivität. Die Frage nach dem weiblichen Subjekt hat auch die Anfänge feministischer Filmkritik und -theorie geprägt. 1974 gründete Helke Sander die Zeitschrift „Frauen und Film“. Seither hat sie sich entsprechend den wechselnden Zeitläufen verändert, besteht jedoch immer noch. Annette Brauerhoch und Heike Klippel, Herausgeberinnen der Zeitschrift, stellen das kommende Heft vor, das den Schwerpunkt „Sexuelle Befreiung – 30 Jahre danach“ haben wird. Im Anschluss läuft ein Kurzfilmprogramm zum Thema, unter anderem mit einem, unsere Sehgewohnheiten herausfordernden Film, Near the big Chacra. Um 18 Uhr wird Ula Stöckls Neun Leben hat die Katze von 1968 gezeigt – in Breitwand und Farbe werden Wünsche, Phantasien, Erfahrungen, Privates und Politisches, Popkultur und Gesellschaft dieser Zeit gegenwärtig.
Um 20 Uhr macht das Programm mit Les Soeurs Fachées (Zwei ungleiche Schwestern) aus dem Jahr 2004 einen Sprung in die Gegenwart. Dieses hervorragende Erstlingswerk von Alexandra Leclère mit Isabelle Huppert und Catherine Frot fand, als es hierzulande kurz in die Kinos kam, nicht die adäquate Aufmerksamkeit. In ihm kehrt die zentrale Spannung, in der sich die Emanzipation der Frauen bewegt, wieder: das Problem von Gleichheit und Differenz, eine Spannung, die oft genug zu Spaltung und Bruch in der Solidarität geführt hat.
Um 22 Uhr wird die Wiederbegegnung mit der Bewegung sexueller Befreiung zum puren Vergnügen, nämlich in May Spils, Zur Sache Schätzchen, der 1968 das Filmband in Silber für seine Dialoge erhielt.
Der Sonntag ist mit ganz unterschiedlichen Filmen aus der Tschechoslowakei, Polen, der DDR und Italien der Antwort der Frauen auf das Verhältnis von Sozialismus und Feminismus gewidmet. Unerhört reagierte 1966 Vera Chytilowas Tausendschönchen auf den Staatsapparat mit vehementen filmischen Aktionen, die allesamt dem Motto „I like Chaos“ zu folgen schienen. Filme wie Robotnice von Irina Kamienska und Hinter den Fenstern von Petra Tschörtner – im 16 Uhr-Programm – führen uns hinter die Fassaden des Sozialismus. Elda Tattolis wunderbarer Spielfilm Pianeta Venere (Der Planet Venus), der um 20 Uhr gezeigt wird, opponiert dem Parteikonsens über den „Nebenwiderspruch“, den die Unterdrückung der Frau angeblich darstellt. Elda Tattoli bekam nach diesem Film keine zweite Chance, einen Film zu drehen. Um 22 Uhr läuft schließlich Mysterien des Organismus, ein Film aus dem damaligen Jugoslawien, der auf wild bewegende Weise die Verquickungen von Sexualität und gesellschaftlicher Gewalt sichtbar macht. Zur Aktualität bedarf es keinen Kommentars.
Am Sonntag Nachmittag um 16 Uhr findet im Café Filmriss des Mal Seh´n ein Gespräch mit den „Töchtern der ´68er“ statt, an dem unter anderem Noemie von Alemann, Sarah Dellmann, Jenny Flügge und Natalie Lettenowitsch teilnehmen.
Die Filme des Programms werden von der Projektgruppe (Karola Gramann, Heide Schlüpmann, Sebastian Knoll, Cyrill Miksch, Anna Seitz) und Gästen (Gaby Babic, Sabine Schöbel und anderen) präsentiert.
Im Foyer des Kinos läuft an allen vier Tagen das Videoband von Delphine Seyrig, Sois belle et tais-toi – Sei schön und halt den Mund, Frankreich 1976. Es ist die Aufzeichnung von Interviews, die Seyrig mit Schauspielerinnen über ihre Arbeit, über ihre Arbeitsverhältnisse führte – unter anderem mit Jane Fonda, Juliet Berto, Shirley Mc Laine.
Kinothek Asta Nielsen e.V. www.kinothek-asta-nielsen.de